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Marion Bacher adores slow journalism. Without any room for observing, listening, thinking, there’s only space for black and white. Let’s share some colours: marionbacher@gmail.com

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Zerquetschte Käfer

Fast jede Woche sterben in den nordöstlichen Stammesgebieten Pakistans Menschen durch US-Drohnenangriffe. Shahzad Akbar zieht für die Angehörigen der Opfer vor Gericht.

Nicht weniger als 500 Millionen Dollar Schadensersatz forderte Shahzad Akbars erster Mandant von den USA. Karim Khan, ein Journalist aus dem pakistanischen Nord-Waziristan, verlor im Dezember 2009 seinen Sohn und seinen Bruder bei einem Drohnenanschlag. Er wollte keine Rache, sondern einen fairen Prozess. Also wandte er sich an Shahzad Akbar, der zuvor als Staatsanwalt in Pakistan gearbeitet hatte. „Niemand nahm sich damals des Falls an, weil die Menschen aus den Stammesgebieten als Terroristen wahrgenommen werden und kaum jemand über zivile Opfer von Drohnenangriffen sprach“, erzählt der Menschenrechtsanwalt Akbar. Kurz darauf gründete er die Organisation Foundation for Fundamental Rights (FFR), die sich seither für die Opfer eines Krieges einsetzt.

Seit 2004 fliegen ferngesteuerte, unbemannte Flugzeuge der US-Streitkräfte im Rahmen des von Ex-Präsident George W. Bush ausgerufenen „Kriegs gegen den Terror“ Ziele in Pakistan an. Bestätigt wurde die verdeckt durchgeführte Kampagne des US-Geheimdienstes CIA allerdings erst im vergangenen Jahr. Die völkerrechtliche Basis des Drohnenkrieges ist umstritten, die amerikanische Regierung unter Präsident Barack Obama hat ihren Einsatz dennoch ausgeweitet. „Bugsplat“ -Käfer zerquetschen – nennen US-Behörden einen erfolgreichen Drohnenangriff auf mutmaßliche Terroristen. Mit „chirurgischer Präzision“ würden „gezielt Militante“ getroffen, beteuern Mitarbeiter der US-Regierung immer wieder.

368 Angriffe flog die US-Regierung seit 2004 laut dem Bureau of Investigative Journalism (BIJ), rund 900 Zivilisten kamen dabei ums Leben.

Akbar und Khans Klage gegen die CIA ist ein Unterfangen ohne Erfolgsaussichten. Ihr oberstes Ziel aber ist die Klärung der Frage, wer die rechtliche Verantwortung für die Toten trägt. Deswegen haben die beiden zusätzlich auch eine Klage gegen den pakistanischen Staat eingebracht. „Unsere Regierung hat die Drohnenangriffe nicht gestoppt und somit Khans Familie und andere Opfer nicht ausreichend geschützt“, sagt Akbar.

Während bei den pakistanischen Parlamentswahlen im Jahr 2008 Drohnenangriffe keine Rolle spielten, sprachen sich im diesjährigen Wahlkampf alle politischen Gruppen dezidiert gegen die Luftschläge aus. „Wir führen Gespräche mit verschiedenen Parteien, damit sie eine klare Position gegen Drohnen einnehmen“, sagt Akbar. Dabei begann der umstrittene Drohnenkrieg laut Zeitungsberichten einst mit einem geheimen Abkommen zwischen den USA und der damals regierenden Militärdiktatur unter Pervez Musharraf. Seither duldet die Regierung in Islamabad im Stillen die Angriffe – und verurteilt sie öffentlich.

Die Stammesgebiete im Nordosten Pakistans (siehe Karte) sind die Hauptzielgebiete des US-Drohnenkriegs. Rund hundert Familien vertritt Akbar mit seiner Organisation dort. Auch in der Provinz Waziristan kommt es vermehrt zu Attacken. Die Bergregion im Süden der Stammesgebiete ist das wichtigste Kampfgebiet der Taliban und der Al Kaida. Die meisten von Drohnen abgefeuerte Raketen schlagen in dieser Gegend ein.

„Wir können nicht jedes Opfer überzeugen, seine Rechte über Gericht einzufordern“, sagt Akbar: „Oft ist es nicht einmal möglich, sie zu erreichen. Die Regierung hat jede Form der Kommunikation unterbunden.“ Deshalb setzt Akbars Team auf die Zusammenarbeit mit lokalen Vertrauensleuten und die Hilfe von Stammesältesten. Das ist nicht immer erfolgreich. Oft trieben die Luftangriffe die Bevölkerung erst recht in die Arme der Islamisten, so Akbar: „Die Menschen glauben die Propaganda, dass die USA etwas gegen ihre Religion und Lebensart haben.“

Erschienen: Profil, 29.04.2013

Schariagerichte in Großbritannien – Mediation oder Paralelljustiz?

Das islamische Recht, die Scharia, ist schon längst in Europa angekommen. Besonders deutlich wird das in Großbritannien, das aufgrund seiner kolonialen Vergangenheit besonders viele Migranten aus muslimischen Ländern aufgenommen hat. Bereits 1982 öffnete der erste Schariarat in London seine Pforten. Seither bestimmen er und dutzende weitere islamische Schiedsgerichte über finanzielle und familienrechtliche Angelegenheiten tausender britischer Muslime. Gegnerinnen und Gegner sehen darin eine Paralleljustiz, die Frauen diskriminiert.

Während sich vor allem Frauen an Schariaräte wenden, möchte die parteilose Politikerin Caroline Cox mit ihrem Gesetzesentwurf Musliminnen vor islamischen Mediations- und Schlichtungsstellen schützen. Wie ernst sollte man die Befürchtungen der Gegner nehmen? Und wie sieht der Alltag in islamischen Schiedsgerichten aus?

Eine Journal Panorama über die islamische Rechtspraxis in Großbritannien.

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Suhaib Hasan ist einer der Gründer des ältesten Schariarats Englands.

ORF, Ö1, Journal Panorama, gesendet am 16.04.2013.

Taharusch am Tahrir

In den Straßen von Kairo gehören sexuelle Belästigungen zum Alltag. Eine Begegnung
mit der Frauenrechtlerin Fatma Emam, Gründerin des  feministischen Forschungsinstituts Nazra.

Erschienen in der Österreichische Liga für Menschenrechte im Dezember 2012.

Vom Retter zum Täter – das Militär im postrevolutionären Ägypten

Er war gerade einmal eineinhalb Monate im Amt, da hat der erste zivile ägyptische Präsident Mohammed Mursi die Spitzen des Militärs ausgewechselt. Armeechef und Verteidigungsminister Mohammed Hussein Tantawi und die Nummer zwei des Militärrats, Generalstabschef Sami Annan, mussten gehen.

Für die einen war es ein symbolischer Schlag gegen die Macht des Militärs, für die anderen ein galanter Abgang mit Golden Handshake ganz nach Geschmack des Militärs: Tantawi und Annan dürfen nun als Berater Mursis im Hintergrund die Fäden ziehen und werden vermutlich nicht mehr für Verhaftungen, Folter und Militärprozessen gerade stehen müssen.

Das Militär, anfangs noch als Retter der Revolution umjubelt, scheint sich in den vergangenen 18 Monaten nicht minder brutal gezeigt zu haben als der ehemalige Präsident Hosni Mubarak. Ein Radiofeature aus Kairo über die Menschenrechtsverletzungen des Militärs zur Zeit seiner 18-monatigen Alleinherrschaft.