Wahlbeobachterin

von marimig

28.05.2012. Als ich den Newsroom von Al-Shorouk Newspaper betrete, rückt Sabbahi gerade vor Mursi. Revolutionär überholt Islamist. Jubelgeschrei. Der ganze Newsroom bebt, scharrt sich um Fernseher, Computer, die Twitteraccounts klicken, arabische Lettern flitzen über die Facebookkästchen. Draußen am Balkon wie drinnen Ausgelassenheit. Die Auszählungen sind noch nicht vorüber, aber die Depression kippt in Euphorie. Sabbahi, der Mann der Linken, der Mann der Revolution, der Mann der Freiheit hat den Muslimbruder Mursi vom Zweitthron gestoßen. Für exakt 27 Minuten. Al-Ahram Online, mit seinem Liveticker zu den Wahlergebnissen ersetzt seine Headline. Mursi wieder auf Platz zwei. Sabbahi aus dem Rennen. Hängende Mundwinkel im 5. Stock des Media Towers im wohlhabenden Kairoer Viertel El Mohandessin.

Es ist still geworden. Die Schwere der Depression, die sich nach der Euphorie über Gesichter legt, spürt man hier wie eine Samtdecke, soeben über den Raum geworfen. Zugedeckt wird sie, die Revolution, zugedeckt den täglichen, einstündigen Marsch von hier zum Tahir Platz. Zugedeckt Stunde um Stunde am Platz der Freiheit, der so oft mit roter Farbe übergossen. Zugedeckt all die Hoffnung auf einen wahrhaftigen Regimewechsel.

Aliaa ist blau unter den Augen. Ist der Schlafmangel oder die Schläge ins Gesicht, der ihre Ringe färbt? „Wen jetzt wählen?“, fragt die junge Journalistin, die bereits vor vier Jahren beim Aufbau der unabhängigen Tageszeitung dabei war. „Shafiq? Dann war alles umsonst! Und einen neuen Job kann ich mir dann auch suchen, weil es diese Zeitung nicht mehr geben wird.“ Zu viel Kritik an Mubaraks letzten Premier. Aber strategisch einen Islamisten wählen? Sie schaut gequält drein. Aliaa ist eine der wenigen Frauen im Newsroom, die kein Kopftuch trägt. Die Journalisten liefern sich Schreiduelle. Die Wahl ist keine Wahl mehr. Kandidaten keine Optionen, weil sie unweigerlich in eine Richtung führen, die die Masse am Tahir nicht wollte.

Draußen scheint die Gesellschaft gespalten in old Regime (Shafiq) und Islamisten (Mursi), die Revolutionäre rotten in Gefängnissen dahin, verplempern ihre Zeit mit Social Media Talks in den Staaten oder sind einfach frustriert. Jung und heiß, leidenschaftlich und hoffnungsfroh – wer damals am Tahir stand, der will von der Droge der Freiheit nicht mehr runter. Sie wollten die Revolution und das sofort. Den Regimewechsel, freie Wahlen, sich nicht mehr Mund und Augen verbieten lassen. Was kam, waren Knüppel und Nachbarn, die die Revolution betrogen.

Wie der Taxifahrer, der meine Mitbewohnerin Alex, ihre Kamerafrau Sandra und mich von Garden City an einem Samstagnachmittag nach Maadi bringt. „Shafiq wird gewinnen“, lacht er, „Shafiq ist ein guter Mann“. „Shafiq war das Puppy von Mubarak, Shafiq wird das alte Regime fortführen, Shafiq wird die Revolution zunichte machen“, sagen wir. „Wir brauchen einen starken Mann an der Spitze, jemanden mit Erfahrung, jemanden, der das Chaos beseitigen kann. Nur Shafiq kann das“, hält er entgegen. „Wer Shafiq wählt, fällt der Revolution in den Rücken, macht sie zunichte.“ „Welche Revolution?“ Wir rauschen vorbei am Nil, der gemächlich seinen Wellen zieht. Manche sind einfach zu starr, für einen Wechsel, zu wohlig, war die eigene Position. Ohne Nutznießer kein jahrzehntelanges Gefängnis. „Mit Shafiq werden die Reichen reicher und die Armen ärmer.“ Es wird emotional. Zerschlissene Wolkenkratzer deplatzieren schicke Bauten aus der Ära der britischen Kolonialherren. „Ich war nie am Tahir, bin daheim geblieben, habe meinem Sohn verboten hinzugehen – zu gefährlich.“ „Wer etwas ändern will, muss Risiken eingehen.“ Es taucht das Bild auf, von dieser Frau, die von Militärs niedergerannt wurde, ihr Tschador über den Kopf gerissen. Militärboots auf Brüsten, Schlagstöcke, die auf die am Boden liegende Frau einhämmerten. Millionen hatten die Bilder auf Youtube verfolgt. Die Ägypter später auf Hauswänden. Eine Kampagne wollte die Lügengeschichten der Militärs aufdecken, die der Frau vorwarfen, nicht zu Hause in der Küche gesessen zu sein. Es sind viele gestorben in diesem Jahr. Sterben wofür? Wir liefern uns ein Schreiduell. Der Taxifahrer will und will nicht verstehen, dass er für jenen gestimmt hat, der die Knüppelbrüder zuschlagen hat lassen.

Der dritte Tag nach den Wahlen. Stimmen für Sabbahi wurden in Zuckerohrbüschen gefunden. Hunderttausende Shafiq-Stimmen sollen gefälscht worden sein. Sabbahi will die Wahl anfechten. Die Revolutionäre schnappen nach Luft. Ich sitze mit meinem Arabischlehrer in unserem Stammcafé. Mohammed erzählt von den schönen Tagen am Tahir, aber durchzogen von Irren, die mit Waffen, die Revolution zunichte machen wollten oder einfach nur Gewalt gegen Geld tauschten. Das Regime hatte damals hunderte Schwerstverbrecher aus den Gefängnissen entlassen.

Vor uns blubbern Shishas, unser Rauch formt sich zu Geschichten, über Aktivisten in Gefängniszellen in Stahlbeton, meterweit unter der Erde. „Gestern, als die Wahlergebnisse fest standen, konnte ich den ganzen Tag nicht sprechen“, erzählt der 30-Jährige, der wie so viele seiner Generation in Zelten auf dem Tahir-Platz übernachtete. Heute keimt die Hoffnung, dass Sabbahi, Shafiq mit der Wahrheit entthronen könnte. Es stand schon vor den Wahlen fest, erzählt Mohammed. Hochrangige Militärs flüsterten, Shafiq wird das Land anführen, Shafiq wird die Wahl gewinnen, Shafiq und nur Shafiq. Wenn vor den Wahlen, der Gewinner hinter vorgehaltener Hand schon feststeht, warum mit Fairness rechnen? Über den Wahlausgang war hier keiner überrascht. Aber traurig. Eine offizielle Bestätigung für die Schwere der Depression. Ein Zettel vom Arzt. Das Medikament einzig die Straße. Nur geht hier im Moment niemand zum Protest auf die Straße. Es ist die Lethargie, die noch zu bleiern in den Gelenken hockt.